Mangelernährung bei Demenzkranken

 

Die Versorgung von Demenzkranken in Senioreneinrichtungen, durch ambulante Pflegedienste und/oder durch die aufopfernden Pflegeleistungen der Familienangehörigen mit ausreichend Nahrung stellt eine besondere Herausforderung dar. Nach und nach gehen die geistigen und körperlichen Fähigkeiten verloren, die für die Nahrungsaufnahme erforderlich sind.

 

Kontrolle notwendig

 

Durch den progressiven Verlauf der Krankheit nützen allgemeingültige Versorgungsrichtlinien wenig, weil die Überprüfung der tatsächlich aufgenommenen Nahrungs- und Trinkmenge sehr aufwendig ist. Trotzdem sollten die individuellen Bedürfnisse und das Körpergewicht der Betroffenen dokumentiert werden. Die üblichen Zufuhrempfehlungen von 3 Portionen Gemüse, 2 Portionen Obst, 2 mal die Woche Fleisch, 2 mal die Woche Fisch, täglich Milchprodukte, hochwertigen Ölen und Kohlenhydraten je nach Energiebedarf dazu etwa 1,5 Liter Flüssigkeit gelten auch für Demenzkranke. Die Auswirkungen einer Demenzerkrankung auf das Ernährungsverhalten in jeder Phase sind vielfältig. Je nach Entwicklung von Appetit und Essverhalten besteht die Gefahr einer Mangelernährung.

 

Gefahr der Mangelernährung

 

Mangelernährung ist definiert als ein Zustand des Mangels an Energie, Proteinen oder anderen Nährstoffen, der mit messbaren Veränderungen von Körperfunktionen verbunden ist, einen ungünstigen Krankheitsverlauf zur Folge hat und durch Ernährungstherapie reversibel ist. Wird die Mangelernährung, sowohl die qualitative, wie die quantitative nicht behoben, steigt das Sterblichkeitsrisiko. Durch die Veränderung des Wahrnehmungsvermögens können sich Demenzerkrankte gedanklich in einer anderen Lebensphase befinden, etwa dass sie kochen und die Familie versorgen sollten. Backöfen, Herdplatten und elektrische Küchengeräte können sich zu Gefahrenzonen entwickeln, vor allem im bekannten häuslichen Umfeld. Darüber hinaus können manche Betroffene durch die veränderte Wahrnehmung Getränke und Speisen als solche nicht mehr erkennen. Einige Lebensmittel werden als giftig erachtet und abgelehnt, während andere wie etwa Reinigungsmittel als Lebensmittel akzeptiert werden. Gesundheitsschädliche Substanzen sollten aus der Reichweite der Patienten entfernt werden. Aufgrund der nachlassenden Gedächtnisleistung vergessen Demenzkranke auch einfach zu essen oder wissen nicht mehr, wann und wie viel sie gegessen haben. Das Führen eines Ernährungstagebuches mit Mengenangaben ist eine sinnvolle Ergänzung. Die Auswertung des Tagebuches sollte eine Ernährungsfachkraft übernehmen, um dann gezielt einer Mangelernährung entgegen wirken zu können. Der Zahnstatus muss regelmäßig überprüft werden, weil eventuell Schmerzen den Patienten daran hindern, essen zu können. Der zu mindestens vorübergehende Einsatz von hochkalorischer Trinknahrung ist dann empfehlenswert. Die Änderungen im sozialen Verhalten können auch zu unangemessenem Verhalten bei Tischen führen, etwa die Angst, von Angehörigen oder Pflegepersonal vergiftet zu werden. Derartige Wahnvorstellungen können zur Nahrungsverweigerung führen. Als Folge der nachlassenden Kommunikationsfähigkeit können soziale Isolation und Depressionen dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr essen und trinken möchten. Hier ist es sinnvoll, den Rat des behandelnden Arztes einzuholen.

 

Das Gefühl für Hunger geht verloren

 

Das Gefühl für Hunger und Sättigung kann im Verlauf der Krankheit verloren gehen. Während einerseits ein ständiges Hungergefühl möglich ist, kann andererseits ein dauerhaftes Gefühl von Sättigung bestehen. Es wird dann behauptet, gerade gegessen zu haben. Manche Betroffene verstehen die Notwendigkeit von Essen und Trinken nicht mehr und verweigern die Nahrungsaufnahme. Vertrautes gibt dem Demenzkranken Sicherheit. Kochen Sie, was er kennt und gerne mag. Schon in der frühen Phase fallen Entscheidungen schwerer und zum Beispiel kann ein Restaurantbesuch einen Kranken überfordern. Gehen Sie die Speisekarte mit ihm durch mit unauffälliger Hilfe, zum Beispiel: „Schnitzel isst du doch gerne, das wäre doch was.“

 

Erhöhter Energiebedarf bei Bewegungsdrang

 

Bei vielen Demenzkranken kann man einen starken Bewegungsdrang verbunden mit innerlicher Unruhe feststellen. Dies kann sich in Lauftendenzen oder bei Bettlägerigen in dauerhaft unruhigen Bewegungen äußern. Dadurch kann es je nach Ausprägung zu einem leicht bis stark erhöhten Energiebedarf kommen. Der Energiebedarf kann bei Senioren 2 000 bis auf 4 000 kcal pro Tag steigen. Hinzu kommt, dass durch die Unruhe bedingt, die Ruhe beim Essen fehlt. Hier ist es sinnvoll, ein Ernährungsprotokoll anzufertigen, um den tatsächlichen Verzehr zu ermitteln, und dann mit geeigneten Maßnahmen die Energieversorgung des Patienten zu gewährleisten. Gerade bei Demenzkranken ist es hilfreich, die persönliche Ess- und Trinkbiografie zu berücksichtigen, weil sie zunehmend die Fähigkeit verlieren, ihre Wünsche verbal zu äußern. Speisen und Getränken sowie Gewohnheiten rund um die Mahlzeiten können Erinnerungen wecken und positive wie negative Gefühle hervorrufen. Zu den Fragen einer Essbiografie gehören unter anderem Fragen nach dem Herkunftsland, welcher Beruf ausgeübt wurde, ob der Patient in einer Klein- oder Großfamilie aufgewachsen ist und welche Riten und Tischsitten gab (etwa Tischgebete).

 

Veränderter Geschmackssinn

 

Der Geschmacksinn verändert sich ebenfalls. Verwenden Sie reichlich frische Kräuter und Gewürze, die von früher bekannt und vertraut sind. Dazu zählen Petersilie, Schnittlauch, Bohnenkraut, Liebstöckel, Majoran und Rosmarin. Die Speisen sollten nicht zu salzig und scharf sein. Der Geschmack kann sich auch durch Mundtrockenheit, eventuell medikamentenbedingt, verändern. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und gute Mundhygiene helfen. Häufig werden süße Speisen bevorzugt. Hier kann auch mal auf die Frikadelle etwas Marmelade gegeben werden. Auch mit Fruchtsäften, je nach sonstigen Diagnosen, in farbigen Bechern kann man motivierend wirken. Die Wahrnehmung der Farben bleibt meist erhalten. Die veränderte Geschmackswahrnehmung kann zu Appetitlosigkeit und durch die eingeschränkte Nahrungszufuhr zu einer Mangelernährung führen. Um eine höhere Energiedichte zu erreichen, können Speisen mit Butter, Nüssen, Pflanzenöle und Sahne angeboten werden. Mehrere kleinere Mahlzeiten pro Tag sind ebenfalls empfehlenswert.

 

„eat by walking“ (Essen beim Gehen)

 

Bei starken Lauftendenzen hat sich „eat by walking“ (engl. für Essen beim Gehen – Anm. der Red.) als erfolgreich erwiesen. Dabei werden einzelne Speisen der Mahlzeit, beispielsweise zum Frühstück ein Brot oder Brötchen, mit auf den Weg gegeben. Auch „Imbiss-Stationen“, an denen sich die Betroffenen mit Fingerfood bedienen können, sind eine zusätzliche Möglichkeit. So können zur Mittagsmahlzeit kleine Stücke Rohkost wie Möhrenstifte und Gurkenstückchen, Kartoffelecken, Pizza und stichfeste Aufläufe angeboten werden. Fingerfood zum Frühstück, Abendessen und für zwischendurch können Kekse mit gesüßten Quarkspeisen, stichfester Pudding, Kuchen in kleinen Stücken, Eier und Salzgebäck sein. Die Soßen oder Dips sollten immer separat angeboten werden. Gegarte Speisen bitte nicht zu heiß servieren! Eine Senioreneinrichtung entwickelte für Bewohner mit starker innerer Unruhe und nachfolgendem Bewegungsdrang einen Bauchladen. Ein an Trageriemen befestigtes Kunststofftablett ermöglichte es dem Senior, die Mahlzeiten im Gehen einzunehmen, wodurch eine Mangelernährung vermieden werden konnte.

 

Trinken wird vergessen

 

Das Thema Trinken ist bei Demenzkranken aus mehreren Gründen wichtig. Eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr kann zu Verwirrtheit führen, was die Symptome der Demenz noch zusätzlich verstärkt. Zum anderen wird das Trinken häufig vergessen. Häufig werden süße Getränke bevorzugt, so kann Limonade und gesüßter Tee angeboten werden. Auch farbige Shakes und Smoothies werden gerne genommen, die wiederum 01/2016 Mangelernährung bei Demenzkranken Unabhängig, informativ und verständlich Herzschlag 25 mit Energie angereichert werden können wie etwa Maltodextrin. Bei Milchmixgetränken eignen sich als Basis Bananen und Pfirsichsäfte, die wenig Säure enthalten und daher mild im Geschmack sind. Bei Schluckstörungen kann es hilfreich sein, Getränke mit geschmacksneutralen Dickungsmittel wie modifizierter Stärke zu versetzen. Beim Einrichten von Trinkstationen ist die Hygiene von besonderer Bedeutung. Die Trinkgefäße, vorzugsweise farbige Becher, sollten große griffsichere Henkel haben und kippsicher sein. Auch können sich Trinkhalme als hilfreich erweisen. Setzen Sie sich, wenn es der Alltag zulässt, zum Demenzkranken und trinken sie gemeinsam. Das bringt Ruhe in die Situation und motiviert gleichzeitig.

 

Anregung der Sinne

 

Die Anregung der Sinne und damit verschiedener Wahrnehmungsbereiche des Menschen kann die Nahrungsaufnahme unterstützen. Beispielsweise können die Geräusche einer laufenden Kaffeemaschine und der dazugehörige Kaffeeduft die Sinne anregen und als Signal für den Beginn des Frühstücks dienen. Auch das Klappern von Geschirr und Besteck beim Tischdecken kann als ein Signal genutzt werden. Das Auge isst bekanntlich mit. Daher laden appetitlich angerichtete Speisen und eine angenehme Atmosphäre zum Essen ein. Die nachlassende Sehkraft, die im Alter häufig auftritt, muss bei der Planung von Speisen und bei der Tischgestaltung berücksichtigt werden. Bei der Darreichung der Speisen sollten klare Konturen der einzelnen Komponenten erkennbar sein. Dies gilt besonders für pürierte Kost. Teller und Speisen sollten sich farblich von der Tischdecke unterscheiden. Bunte Drucke werden als Flecken und damit als störend missdeutet. Etwaige Tischdekorationen wie Beeren oder Zierkürbisse können mit Nahrung verwechselt werden. Unterstützen Sie den Senior bei den Mahlzeiten nur so viel wie notwendig. Alle Handgriffe, die der Senior noch selbständig durchführen kann, sollte er alleine ausführen dürfen. Die selbstständige Tätigkeit und das Führen der Speisen vom Teller zum Mund, ganz gleich ob mit Besteck oder den Fingern, fördern das Selbstwertgefühl und die Motivation beim Essen.

 

Bei Schluckstörungen ist Vorsicht geboten

 

Im späteren Verlauf der Demenzerkrankung können die Schluckbeschwerden so stark werden, dass die Erstickungsgefahr durch Nahrungsteile so hoch wird, dass auch eine Flüssignahrung wenig geeignet ist. Spezielle Trinknahrung mit einer erhöhten Viskosität wurde für diese Patienten entwickelt. Hier muss der ärztliche Rat eingeholt werden. Eine Ernährung mittels PEG (perkutane endoskopische Gastrostomie) birgt ein erhöhtes Entzündungsrisiko, zudem gewährleistet sein muss, dass der Patient diese Form der Ernährung zulässt. Fazit: Der an Demenz erkrankte Mensch kann sich nicht mehr an seine Umwelt anpassen. Die Umwelt muss sich mit Geduld, Einfühlungsvermögen und professioneller Hilfe an die veränderte Welt des Demenzkranken anpassen.

 

Gabriele Wolf
Praxis für Ernährungstherapie
Max-Peter-Straße 2
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